Manchmal, wenn einem so garnichts einfällt und einem die innere Unruhe zu schaffen macht, dann sollte man sich der Leere auch einfach mal hingeben. Es kann wahnsinnig sein, sich der eigenen Lethargie zu beugen. Die Konsequenzen können ins Undenkbare reichen, ja, die ganzen Dinge, die ganze eigene Welt können ins Unfassbare – viel schlimmer noch ins Unkontrollierbare – abdriften. Und ganz genau das sollte es auch mal.
Die Konsequenz allem Anderen wäre verheerend, oder eine reine Dämlichkeit; beides weder wünschenswert, noch wünschenswerte metaphorische Bilder, aber in ihrer anmaßend umfassenden Biederkeit ja eben doch gleichgültig – im positivistischen Sinne, also so zu sagen ebenbürdig – stehend im Vorschlagszirkus dieser sozialmedial durch und durch durchsetzten gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Wenn wir auch nur annähmen, also einfach nur mal beginnen, uns ein Gedankenexperiment – das uns im Tatsächlichen betrachtet zu echt, zu nah, zu ernst scheint, um es als mehr oder weniger reales Gedankenexperiment durchführen zu können – vorzustellen, es also nochmal zu abstrahieren und einfach zu denken, was eigentlich undenkbar scheint (der Denker nennt es Fantasie, der Kleingeist Wahnsinn, der Soziologe Utopie, der Künstler Sprachsinn) – schon da kommen wir in Gefahr, Punkte zu sehen, die erschreckend plausibel erscheinen, in einer Welt, die eben nicht die ist, die sie eben ist, schließlich bleibt dämlich, was dämlich ist und herrlich, was herrlich ist, selbst wenn es verheerend ist, oder mindestens entsprechende Ausmaße annimmt.
Wo kämen wir denn sonst auch hin?
In einen unendlich unfassbar unkontrollierbaren, ja letztlich daher unsinnigen Raum. Ohne Sicherheiten. Man fässt etwas an und es ist tatsächlich da. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vorbei die Sicherheiten. Es wären andere Menschen da, die plötzlich andere Sachen meinen, oder auch nur meinen zu meinen oder meinen zu müssen. Und das würde ja nicht aufhören. Ständig wären da irgendwelche neuen Ideen – ja, schlimmer noch: neue Leute mit neuen Ideen – die es früher ja auch nicht gebraucht hat und überhaupt, das mit der Sicherheit: sicher bin ich mir ja schon lange nicht mehr, vor allem nicht darüber, worüber ich mir sicher sein kann und das ist ja wohl kein Zustand, was soll das denn für eine Welt sein, in der Menschen Dinge tun – gute Dinge, böse Dinge – die ich nicht kontrollieren kann, wo ich mich doch nicht mal selbst unter Kontrolle habe und wenn mich jemand kontrollieren kann, dann sicher nicht der Staat, sondern nur die Regierung zu Hause, aber die ist ja genauso kompetent (hust) und – ah ja, sorry Schatz, ja ich hör auf.
Was wollte ich also sagen?
Natürlich muss es unser Ziel sein, immer wieder ins Unfassbare reinzuleben. Natürlich müssen wir das Unmögliche ausprobieren und natürlich müssen wir die Gedanken ins Unkontrollierbare entfesseln. Es ist ein reines Hirngespinst, zu glauben, wir hätten die Dinge unter Kontrolle, schon alleine, wie viele Leute das von sich denken, muss doch Zeugnis sein, wie falsch sie alle liegen: denn wie sollten Sie ALLE die Kontrolle über all die Dinge haben, ohne dabei jede kollektivistische Ambition zu haben, geschweige denn überhaupt eine gemeinsame Definition der Kontrolle aufstellen zu können, und trotzdem glauben die lieben Leute, diese armen Träumer ja, SIE – jeweils Sie (LeserInnen und Autor eingeschlossen) alle einzeln – hätten die Dinge unter Kontrolle.
Und das ist ja tatsächlich auch der Punkt, an dem sich der Träumer ins Kopfkissen beißt: den Leuten wird die Illusion der Kontrolle ja tagtäglich vorgeführt – ja, sie leben die ganze Zeit im vollen Bewusstsein ihrer Unmacht gegenüber der Welt – am eigenen Leib, wenn es um die Selbstkontrolle geht. Wir nennen es Selbstdisziplin. Und damit meine ich weder das planmäßige Abarbeiten irgendwelcher Bucketlists, noch das verkrampfte Verfolgen teenagerbehafteter Lebensziele und auch nicht die hippe Zelebrierung unendlicher Jugendlichkeit, es geht mir um das pure Sichselbsthingeben. Das ziellose Sichunddiegedankentreibenlassen. Ums Ichsitzeregloseinestundeamtischundweißnichtwasgeschehenist. Es geht nicht um die Abgabe von Kontrolle, es geht um die Aufgabe der Illusion von Kontrolle. Nicht um das Fassen der Welt, sondern darum, ihre Unfassbarkeit zu erkennen (Irgendwie hat das die Kirche in zweitausend Jahren Predigt nicht geschafft). Darum, den Ausgangspunkt im Denken dahinzulenken, dass es uns zum Undenkbaren führt. Im Unsinnigen Sinn zu machen.
Es geht darum, einen Text auch dann anzufangen, wenn einem gerade so garnichts einfällt.